Kleider allein machen keine Lady

Kleider allein machen keine Lady

In dem Musical ,,Rebecca“ nach dem Film von Alfred Hitchcock singt Mrs. van Hopper zu dem ,,Ich“, der weiblichen Hauptrolle, das Lied ,,Du wirst niemals eine Lady“. In dem Lied begründet sie, dass die Hauptfigur, das ,,Ich“, niemals eine Lady werde, weil ihr jede Klasse fehle und sie immer eine kleine, unscheinbare, scheue graue Maus bleibe. Ihr würde die ,,Nonchalance“, die ,,Contenance“ und ,,Elegance“ fehlen.

So wie die Manieren, Moralvorstellungen, Einstellungen und der Kleidungsstil sich im Laufe der Zeit verändert haben, so auch die konventionelle Auffassung davon, was es bedeutet, „eine Lady“ zu sein.

…Ursprung der Lady…

Ursprünglich bezeichnete der Begriff ,,Lady“ eine adelige Frau. Im Vereinigten Königreich wurden die Ehefrauen von Lords, Rittern oder Baronets so betitelt. Teilweise wurde der Titel ,,Lady“ auch für die englische Königin und für Prinzessinnen verwendet. Gewissermaßen das feminine Pendant zu Lord oder Sir.

Mit der Zeit ist die Bezeichnung Lady zur weiblichen Variante von Gentleman avanciert und wurde somit für alle Stände gebräuchlich. Insbesondere im Plural, wenn wir an die Anrede ,,Ladies and Gentlemen“ oder an Toilettentüren, die Geschlechterspezifizierungen aufweisen, denken, begegnet uns erneut der Terminus ,,Lady“. Heutigentags wird die Singularform in der englischen Sprache für eine höfliche – zuweilen auch altmodische – Anrede für eine Frau im Allgemeinen verwendet. Aber nicht nur in England ist der Begriff ,,Lady“ weit verbreitet, sondern er ist weltweit gebräuchlich. Nicht einzig und allein adlige oder englische Damen werden in unserer Zeit als ,,Lady“ bezeichnet. Dieser Terminus begegnet uns quotidian. Wir denken da an Sprichwörter wie ,, ,,Eine Lady schweigt und genießt“ und an Künstlernamen, wie der von Stefani Joanne Angelina Germanotta ,,Lady Gaga“.

So erscheint uns der Begriff ,,Lady“, alles andere als altmodisch zu sein. Doch, wenn man die Allgemeinheit befragt, was sie unter einer Lady verstehen, schreibt die Masse der ,,Lady“ immer noch Attribute von damenhaften Verhalten, der an den Adel erinnert, zu. Einige Aspekte von „ladyhaftem“ Verhalten scheinen ihrer Aussage nach unsterblich zu sein: Eleganz, gute Manieren und ein Sinn von Respekt den anderen gegenüber und sich selbst. Da sind auch unsere Zuschriften größtenteils einer Meinung gewesen.

Ich persönlich musste zuerst an den Film ,,Plötzlich Prinzessin“ denken mit Anne Hathaway.

Mia, ein junges, tollpatschiges und schüchternes Mädchen aus San Francisco, das an der Schule nur wenige Freunde hat und sich mit ihrer Struwwelpeter-Frisur hinter einer dicken Hornbrille versteckt, erhält eine Einladung ihrer Großmutter väterlicherseits, der Königin von Genovien, und offenbart Mia, Prinzessin und Thronfolgerin zu sein. Doch um eine echte königliche Lady zu werden, bekommt sie von ihrer Großmutter Prinzessinnenunterricht in königlicher Etikette, ganz gemäß der Briten-Knigge, wie wir sie vom englischem Adel kennen, um sie reif für ihr künftiges Amt zu machen. Dieser Unterricht scheint für Mia, zunächst nicht leicht umsetzbar zu sein, da sie dafür viele Gewohnheiten abzulegen hat. Als ihre Großmutter ihr anvertraut, die Prinzessin zu sein, entgegnet Mia mit ,,Hör auf“ und legt den Oberkörper auf den Tisch. Die Königin ist über diese Reaktion sehr verwundert und empfindet Mias Reaktion als nicht besonders höflich.

,,Höflichkeit“ zählt zu einem wichtigen Attribut für eine Lady.

…Benehmen…

,,Für mich ist eine Frau eine Lady, wenn sie Eleganz besitzt, eine gewisse Ausstrahlung hat, modisch korrekt gekleidet ist wie es sich für eine Frau gehört (feminin), die Benimmregeln kennt, sowohl in geschlossener Gesellschaft und als auch im Freundeskreis, den Umgang mit Mann und Frau beherrscht auf eine Weise, die es heute kaum noch gibt, halt Manieren.“ 28 Jahre alt, Luxemburg

Gute Manieren spielen nicht nur nach unserem 28-jährigen Luxemburger eine Rolle, sondern auch nach dem Vorbild des englischen Adels und der Knigge-Benimm-Regeln.

,,Bitte“ und ,,Danke“ sagen, spielt bei der Höflichkeit eine große Rolle. Ein ,,Danke“ vermittelt dem Empfänger, dass sein Einsatz nicht für selbstverständlich gehalten wird. Seine Leistung wird anerkannt. Er fühlt sich erst genommen und bemerkt, dass seine Bemühungen beachtet werden. Eine Lady geht aber auch nicht verschwenderisch mit den Worten ,,bitte“ und ,,danke“ um, damit sie nicht an Bedeutung verlieren. Bei einem Friseurbesuch beispielsweise reicht es, am Ende der Dienstleistungen ,,danke“ zu sagen und nicht nach jeder einzelnen Geste.

Gute Manieren zu haben, schließt nicht aus, auch mal höflich ,,nein“ sagen zu können. Willenskraft zählt als wichtiges Attribut für eine Lady. Sie gilt als nicht leicht beeinflussbar. Wird ihr ein Genussmittel wie Alkohol angeboten, an dem sie nicht interessiert ist, lehnt sie dankend ab.

Eine Lady erlaubt, wenn sie zu Gast bei jemandem ist, dem Gastgeber entscheiden zu lassen, wo sie sitzen soll, wo sie ihre Habseligkeiten ablegen darf und ob sie Ihre Schuhe ausziehen soll.

,,Eine Lady sollte charmant sein, zudem eloquent und Gespräche führen können. Sie sollte respektvoll sein, unter anderem in Unterhaltungen, denn Sie sollte aufmerksam sein und dem Anderen nicht ins Wort fallen. Sie sollte sich elegant kleiden bzw. der Situation angemessen. Vor allem aber sollte sie Selbstkontrolle und Willenskraft aufweisen und in schwierigen Situationen ruhig und gefasst sein. Wichtig ist auch, dass sie ihre Meinung bestimmt vertritt, aber nie aggressiv, daher sollte sie Ruhe und Selbstsicherheit ausstrahlen.“ 27 Jahre alt, Berlin

Dieser junge Berliner hat gleich viele Punkte der Knigge-Regeln einer Dame richtig benannt.

Eloquenz gilt als Must-have für eine Lady.

Eine Lady wird dargestellt als beredt, wortreich und ausdrucksvoll, allerdings nur in Einheit mit sinnvollen Inhalten sowie Scharfsinn, Bildung und Humor. ,,Schnatterliesen“ und ,,Blender“ zählen nicht dazu. Sie ist mit Alltagssituationen und Problemen nicht gleich überfordert und findet sich in der Welt zurecht, weil sie sich auch für Dinge interessiert, die nicht ihr direktes Umfeld betreffen. Sie kann ihrem Gegenüber deutlich erklären, warum es nicht erfreulich sei, was ihr Gesprächspartner mache, anstatt die Aussage einfach nur in den Raum zu stellen. Eine wahre Lady beschäftigt sich mit anderen Menschen, trägt zu stimulierenden Gesprächen bei und ist ein diskreter, charmanter Flirt. Charme beginnt damit, andere Menschen anzulächeln, während man mit ihnen spricht. Wenn eine Lady sich mit einer Person unterhält, schenkt sie ihr ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Ihren Stress und Kummer, den sie manchmal mit sich herum trägt, vermeidet sie, an anderen auszulassen. Sie bleibt stets ruhig und gefasst. Eine Lady versucht, die Situation rational und ruhig zu handhaben und vermeidet es bei hitzigen Gesprächen, Dinge zu sagen, die sie später bereuen wird.

,,Ich finde, eine Lady strahlt in erster Linie Selbstvertrauen aus und hat etwas Unnahbares an Sich. Aber nicht dieses arrogante Unnahbare, sondern eher dieses geheimnisvolle Unnahbare. Das führt dazu, dass wenn Sie den Raum betritt, sie automatisch alle Blicke auf sich zieht. Gleichzeitig fühlen sich die Leute in Ihrer Umgebung wohl, weil sie Ihnen das Gefühl von Wertschätzung entgegenbringt und Ihnen nicht zeigt, dass sie weiß, dass sie hübsch ist. Gleichzeitig ist sie gebildet und weiß sich zu kleiden und sich in Gesellschaft zu benehmen.“ 26 Jahre alt, München

Da hat der 26-jährige Münchner Recht. Bei einer wahren Lady geht es nicht nur darum, nach Außen hin schön zu sein, sondern auch im Inneren eine gute Person zu sein. Sie unterbricht niemanden und fällt ihm ins Wort. Sie bietet ihre Hilfe an, wenn sie jemand benötigt. Dazu gehören kleine Gesten, wie einer älteren Person, die Einkäufe nach Hause zu tragen, oder großzügigere Gesten, wie ehrenamtliches Engagement. Königin Elisabeth II. ist beispielsweise Schirmherrin von über 600 wohltätigen und ehrenamtlichen Organisationen. Zu einem höflichen Verhalten und einer ,,guten Tat“ gehört aber auch, anderen die Tür aufzuhalten. Das ist schon lange nicht mehr nur ,,Männer-Sache“.

Ferner gehören aufrecht stehen und sitzen zu einer wahren Lady. Eine gute Körperhaltung wurde in keiner unserer Zuschriften benannt, vielleicht weil unsere Leser das zu Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit zählen. Mia wurde in Plötzlich Prinzessin beispielsweise an den Esszimmerstuhl gefesselt, um aufrecht zu sitzen. In der Verfilmung ,,Frosch König“ von Jackson Hunsicker übt die Prinzessin einen aufrechten, langsamen Gang, indem sie Bücher auf dem Kopf balanciert.

..Physische Erscheinung…

,,Sauberes gepflegtes Äußeres, keine ,,Hartz-4-Klamotten“, kultivierte Ausdrucksweise.“ 33 Jahre alt, Berlin

Da hat der 33-jährige Berliner den Nagel auf den Kopf getroffen. Eine Lady achtet auf ihre Hygiene und auf die Kleidung, die sie trägt. Ihr Inventar ist stets gereinigt und faltenfrei. Bei ihrer Einkleidung achtet sie darauf, dass sie den Umständen, ihrer Körpersilhouette und ihres Alters gemäß entsprechend gekleidet ist. Auf die Idee, sich in Kleidung zu pressen, die ihr nicht passt, kommt sie gar nicht. Mit übermäßigem Make-Up und anzüglicher Kleidung verlässt sie das Haus nicht. Ganz frei nach dem Motto von Jil Sanders ,,Eleganz erfordert Minimalismus“. Ein Lady trägt Make-Up, um ihre Schönheit zu unterstreichen und nicht um sie zu überlagern. Bei ihrer Kleidung vermeidet sie zu viel Ausschnitt oder rückenfreie Tops, um den Fokus nicht allzu sehr abzulenken. Sie gibt einer Stoffhose einer Jeans gegenüber den Vorzug. Löchrige, ausgefranste Jeans findet man nicht in ihrer Garderobe. Ebenso wenig verlässt sie das Haus mit einer Jogginghose oder einem Trainingsanzug.

 

…Manieren zu Tisch…

In unseren Zuschriften wurde nichts über das ,,Essverhalten“ einer Lady erwähnt. Vielleicht, weil man dieses Thema in unserer modernen Gesellschaft nur vorsichtig anspricht.

Ich persönlich empfinde es auch als unangenehm, darüber zu schreiben. Beispielsweise findet man im World Wide Web immer wieder folgende Charakterisierungen für eine Lady: ,,Sie isst und trinkt nicht übermäßig. Selbstkontrolle und Willenskraft verbieten übermäßigen Genuss.“ Solche Sätze können leider falsch verstanden werden und können Probleme auslösen.

Dennoch kann man, meiner Meinung nach, die Manieren zu Tisch unbefangen erwähnen, die unser Luxemburger in seinem Feedback angeschnitten hat:

,,die Benimmregeln kennt, sowohl in geschlossener Gesellschaft und als auch im Freundeskreis, den Umgang mit Mann und Frau beherrscht auf eine Weise, die es heute kaum noch gibt, halt Manieren.“

Ganz gemäß dem Werk ,,Über den Umgang mit Menschen“ von Adolph Freiherr Knigge fängt eine Lady nicht an, zu essen, bevor die anderen zu Tisch nicht damit begonnen haben. Wie nach den allgemeinen Knigge-Benimm-Regeln isst sie weder mit vollem Mund, noch rülpst, schmatzt oder zappelt sie am Essenstisch herum. Wenn sie am Tisch niesen muss, hält sie sich eine Serviette vor den Mund und entschuldigt sich dafür. Ebenso entschuldigt sie sich, wenn sie vom Tisch aufstehen und zur Toilette muss. Sie tätigt keine Anrufe am Essenstisch und ist auch währenddessen nicht auf Whatsapp aktiv. Das gilt als unhöflich den Personen gegenüber, mit denen sie zusammen speist, insbesondere wenn eine von ihnen das Essen zubereitet hat. Sie legt die Ellbogen nicht auf den Tisch, wenn sie isst und schneidet ihr Essen stets in mundgerechte Happen, umso schneller auf Unterhaltungen reagieren zu können. Umso schneller sie kauen und schlucken kann, umso schneller kann sie auf Fragen reagieren und beredsame Unterhaltungen führen.

Wird sie nach dem Salzstreuer gefragt, reicht sie ihn stets mit dem Pfefferstreuer zusammen weiter. Diese beiden sollten immer zusammenbleiben, auch wenn die Person nur nach einem von beidem gefragt hat. Sollten Dinge zu Tisch außerhalb ihrer Reichweite liegen, die sie benötigt, bittet sie jemanden darum, sie ihr zu reichen, anstatt sich über den Tisch lang zu machen.

Zwischendurch beim Essen benutzt sie eine Serviette, um sich die Finger zu putzen oder sich den Mund abzutupfen. Sie bedankt sich für das Essen, den Service, die netten Unterhaltungen zu Tisch und spricht Komplimente zu den jeweiligen Ereignissen aus.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die konventionellen Vorstellungen über eine Lady, einer herangewachsenen, modernen Prinzessin beziehungsweise Königin gleichen.

,,In heutiger Zeit würde ich eine Frau eher als Lady bezeichnen, die sehr elegant angezogen und kein junger Hüpfer mehr ist. Also schon eher älter ist. Oder auch schon sehr viel älter.“ 31 Jahre alt, Berlin

Weder im alten englischen Adel noch heute ist das eine Frage des Alters, eine Lady zu sein, sondern eher eine Frage der Reife und der Etikette.

Abschließend möchte ich den Artikel mit einem Zitat beenden von Margaret Thatcher:

,,Power is like being a lady… If you have to tell people you are, you aren’t.“

Cheers – Eure Alexia

 

Fotos: Martin Müller

Bloggerin/Model: Alexia Hampel

Hut: Loevenisch

Schuhe: Peter Kaiser

Kleider: Joseph Ribkoff

Quellen:

,,Über den Umgang mit Menschen“ von Adolph Freiherr Knigge

Zuschriften unserer Leser: https://europefashion.berlin/2018/09/21/10324/

Plötzlich Prinzessin (Originaltitel: The Princess Diaries) von Regisseur Garry Marshall

 

 

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