Business as usual-Erfolg ohne Glanz • Ein Rückblick auf die Berliner Modemessen, Januar 2017

Business as usual-Erfolg ohne Glanz

Ein Rückblick auf die Berliner Modemessen, Januar 2017

Von Frank B. Halfar

Die erste feine Staubschicht hat sich über die Januar Ausgabe der Berliner Modemessen gelegt, Zeit dafür, mit etwas Abstand Rückschau zu halten und über die Zukunft nachzudenken.

Die Veranstalter vermeldeten so gut wie uneingeschränkt Erfolge. Die Messen wuchsen, die Besucherzahlen waren stabil und nahmen vielerorts gar zu. Wenn sich dennoch keine rechte Euphorie einstellen wollte, so gibt dies für die Zukunft Anlass zum Nachdenken. Doch beginnen wir mit einer Bestandsaufnahme, und damit vor allem mit Erfreulichem.

Während der dritte, der letzte Messetag dieses Mal eher noch ruhiger war als es ohnehin schon das bekannte Phänomen der Vorjahre war, rannten die Besucher an den ersten beiden Tagen den Messen geradezu die Türen ein. Waren die ersten beiden Tage also generell gut, zeigte sich ein gewisser Trend: bei der Panorama unterm Funkturm war es gleich der Dienstag, der einen Ansturm brachte, auf der Premium hörten wir immer wieder, dass die Resonanz am Mittwoch besonders stark war. Der Besucherstrom schien sich zu fokussieren.

Ein Kompliment muss man den Veranstaltern durchweg für die Organisation machen. Immer unaufgeregter und dafür schneller und glatter die Akkreditierung, ganz gleich ob nun Fachbesucher oder Presse. Sehr hilfreich der Shuttle, den die Premium zwischen ihren verschiedenen Standorten anbot, so wurde die logistische Herausforderung der vielen Standorte und der Entfernungen zwischen Ihnen handhabbarer. An der Messetechnik wurde weiter gearbeitet, so versah man bei der Premium die App mit nützlichen Zusatzfunktionen, bei der Panorama geht der Anspruch dank Datentransfer durch Scanning bei jedem Standbesuch auf eine dauerhafte, stetige virtuelle Messe. Eine Presse Lounge wie zu Zeiten der Bread and Butter allerdings, einen echten Hub mit Verpflegung und einer Aufenthaltsqualität, die zum Verweilen, zum Austausch mit Kollegen aus verschiedensten Herkünften und Hintergründen einlädt, sucht man als Berichterstatter nach wie vor vergebens, am ehesten bietet hier noch die Premium einen Raum mit wenigstens einem bescheidenen Angebot.

Die Trends sollen hier nur gestreift werden, geht es uns doch um das Messegeschehen an sich. Viel Pelz als Applikation fiel ins Auge, nicht nur künstlicher, und nicht nur bei den Damen. Retro und Sportswear sind Themen, die sich immer mehr auf Bereiche der Mode ausdehnen, die über ihr angestammtes Terrain hinausgehen. Logos werden wieder mehr und gerne auch größer gezeigt.

Keine Messe zeigt nur noch Mode im engeren Sinn. Ob es Kosmetik und Lifestyle Produkte sind, bis hin zu Food und Drink, das Portfolio weitet sich aus. Die Premium war hier Vorreiter und hat diese Erweiterung längst etabliert, ihr auch eine plausible Platzierung innerhalb der Messe verpasst. Bei der Panorama hat man dafür die Nova Concept Hall, die optisch diesmal allerdings eher etwas vom Concept Store Look eingebüßt hatte und mehr wie eben eine ganz normale Messehalle wirkte. Selbst auf dem vergleichsweise kleinen, weil auf High End Denim und handwerklich anspruchsvoll gefertigte Artikel spezialisierten Selvedge Run gab es eine neue Area hierfür, den Makers Yard. Dies kommt dem Handel entgegen, gehen doch insbesondere die Fachgeschäfte mehr und mehr dazu über, ihr Profil mit einem Extra zu stärken, ob nun zur Anprobe ein Espresso, oder zur Warendeko passende Literatur geboten wird.

Die Macher des Selvedge Run waren sehr erkennbar bemüht, ihrem räumlich etwas unübersichtlichen Gelände auf der Kulturbrauerei verstärkt Struktur und Ambiente zu verleihen, die Trennung in zwei Gebäudeteile samt Nötigung zum Gang über im Januar natürlich eisiges Freigelände bleibt aber ein Problem. Ein kleiner Coup gelang ihnen mit auch dem beinharten Denim Fan noch weitgehend unbekannten fünf Marken aus der japanischen Stadt Kurashiki, die erstmals in Europa ausstellten.

Auch die immer wieder erhobene Forderung nach Mehrwert bei den Messen verhallte nicht ungehört. Highlight ist hier fraglos die Fashiontech Konferenz auf der Premium, die nicht nur das Dauerthema Digitalisierung und Überleben von niedergelassenem Handel im Online Zeitalter aufbereitet, sondern mit modischen Themen wie Wearables einen direkten Bogen zum inhaltlichen Teil der Messe, zu den Kollektionen schlägt. Auch die Panorama bot etliche Lectures, die aber ganz am Rande der Messe platziert nicht immer die Beachtung fanden, die man Ihnen gewünscht hätte. Hier gilt ein weiter so und mehr davon!

Alles bestens also, eine große Erfolgsgeschichte? Zumindest bei diesem Autor wollte sich ein solches Fazit partout nicht einstellen. Vom ersten, stark besuchten Tag an stellte sich ein Gefühl von „business as usual“ ein. Es ist wieder Messe in Berlin, also fährt man hin und schaut es sich an. Und nein, es wurde bei weitem nicht nur geschaut, es wurde auch, deutlich erkennbar mehr als zuvor, geordert. Mehrfach wurden unsere Pressegespräche an den Ständen unterbrochen, weil das Ordern verständlicher Weise vorging. Die alte Klage, in Berlin geht es nur um Marketing und Parties feiern, sie scheint sich erledigt zu haben, bei den Ordertagen von Düsseldorf darf man gespannt darauf schauen, ob sich hier, ganz physikalisch gemäß dem Prinzip der kommunizierenden Röhren, die Zahlen anpassen. Das ist gut fürs Geschäft, ohne Frage, aber reicht es aus für den Messestandort Berlin?

Die Frage stellen heißt, sie verneinen. Es braucht mehr. Wenn es eine Branche gibt, die sich nicht allein auf Effizienz und Abwicklung beschränken darf, dann ist es unsere, dann ist es die Mode. Der Glamour, das „mehr als Nötige“, die Anregung, der Buzz, das gewisse Etwas, es schien spürbar auf dem Rückzug diesmal. War es die winterliche Kälte? Die politische Lage in unsicheren Zeiten, mit Brexit und einem neuen amerikanischen Präsidenten, der alles in Frage stellt, dazu einem Wahljahr 2017 mit ungewissen Entscheidungen in Frankreich, den Niederlanden, Deutschland? Diese Faktoren spielten sicher ihre Rolle, erklären das Phänomen einer doch spürbar nüchternen Betrachtung aber nicht ganz.

Der Wegfall der Bread and Butter scheint eine größere Bedeutung zu haben, als die Veranstalter der anderen Messen gerne zugeben würden. Man hat profitiert, gewiß. Ob auf der Seek, der Panorama, dem Selvedge Run, mancher Aussteller wäre nicht dort sondern am Flughafen Tempelhof, gäbe es noch die BBB. Aber die atmosphärische Auswirkung geht darüber hinaus. Den Messen muss etwas einfallen, was über gute Organisation und tüchtige Akquise hinausreicht, sonst wäre es leicht vorstellbar, dass mehr als nur etwas Glanz verloren geht.

Die Zeichen an der Wand sind da. Nach ersten Versicherungen, man sei sehr zufrieden, stellte sich bei der zweiten oder dritten Nachfrage an manchem Stand heraus, die Internationalität der Besucher sei schon mal besser gewesen. Ganz plastisch wurde es am letzten Tag, in den unfreiwilligen Kehraus Stunden. An etlichen Ständen gelangweilt fläzendes Personal, das mit festem Blick auf das Smartphone schaut und auch nicht aufblickt, wenn Besucher stehen bleiben und so doch ein Anfangsinteresse signalisieren. Auch mancher Besucher schien sich dann mehr für den neuesten Eintrag auf dem bevorzugten Sozialmedium zu interessieren, als für das Messeangebot um ihn herum. So etwas geschieht nicht, wenn man wirklich Faszination erzeugt. Auch gab es nicht nur Zugänge. Liebeskind etwa, zuvor auf der Premium stets mit großem Stand präsent, hatte sich von der Messe zurückgezogen, eine zuvor sehr Messe-aktive Jeansmarke zog es vor, sich ganz auf ihren zu einer Art Showroom umfunktionierten Flagship Store zurückzuziehen. Das sind Wegmarken, die nur der Übermütige ganz als Einzelfälle abtut und meint, auf Folgerungen verzichten zu können.

Nein, es geht nicht darum, unbedingt etwas aussetzen zu wollen. Und ja, es gab auch viel Positives. Ein großes Haus wie Bugatti etwa, dass sein subtil verändertes Branding zum Anlass nahm, sich mit auf deutlich vergrößertem Areal zu zeigen. Eine Entdeckung wie Gianni Lupo, die Fast Fashion mit Stil und Originalität zu verbinden weiß, und überzeugend darlegen kann, dass „Made in China“ längst nicht mehr Produktionsbedingungen und -Standards aus der untersten Schublade bedeuten muss. Das Faktum, das Nachhaltigkeit und Verantwortung der Umwelt wie dem fernab zu noch immer sehr geringen Löhnen arbeitenden Personal gegenüber immer mehr zum Standard wird, immer mehr in die Breite geht, längst nicht mehr auf spezielle und hauptsächlich hochpreisige Marken beschränkt ist. Wenn die Berliner Messen hierzu eine Vorreiter Rolle einnähmen, könnte das einer der Schritte sein, die Ihnen ein echtes, dazu ein ethisch vorbildliches Alleinstellungsmerkmal verleiht.

Dazu gehört dann aber freilich noch das nicht ganz so Vernünftige, der Glanz, die Messe als Ort der Begehrlichkeit, des „place to be“. Auch im Gespräch mit manchem Kollegen aus dem Kreis der Berichterstatter kam immer wieder zutage, dass den Berliner Messen hier etwas abhanden zu kommen im Begriff ist. Messen sind keine Selbstläufer, Modemessen schon gar nicht. Die BBB mag als Beispiel dienen, wie schnell eine Erfolgsgeschichte auch in ihr Gegenteil verkehrt werden kann. Gerade weil wir den Berliner Messen Erfolg und ein langes, ein dauerhaftes Leben wünschen, können wir nur hoffen, dass die Macher sich nicht zurücklehnen, dass sie investieren, Ideen viel mehr noch als Geld und Material.

Kommentar verfassen