Berlin geht weiter

Beobachtungen und Analyse der Modemessen zu Berlin

Beim Rückblick auf die Messelandschaft der Fashion Week Januar 2015 fällt es schwer, jenes reichlich abgegriffene Fazit zu vermeiden, wonach das einzig Beständige der Wandel ist. Im Jahr eins nach der Bread and Butter stehen die Panorama und die Premium stark und mächtig da, das Umfeld entwickelt sich und sucht nach Orientierung. Die Seek hat mit ihrem neuen Standort in der Arena in Treptow spürbar an Eigenständigkeit gewonnen, bei der Bright und der Show&Order war von guter Resonanz zu hören.

Unter dem Funkturm hat die Panorama wohl so endgültig, wie das in dieser sich stark und stetig verändernden Branche möglich ist, ihren Platz und ihr Format gefunden. Der zu Verfügung stehende Platz war komplett ausgebucht, und für den Sommer stehen die Zeichen auf Ausweitung, auf Vergrößerung. Die friedliche Koexistenz mit der Grünen Woche klappte besser, als von manchen befürchtet, sie  bei den zukünftigen Winter-Terminen zu vermeiden dürfte dennoch Bestreben der Macher bleiben. Ein großes Thema war die Internationalität der Besucher: Messechef Jörg Wichmann hob sie im Gespräch mit uns als gut und wachsend hervor, mancher Markenrepräsentant wünschte sich noch erheblich mehr. Ein großer Fortschritt war die besser als bisher durchdachte Hallenstruktur, die den einzelnen Bereichen eine wirkliche Identität verlieh, geradezu ein Coup die eingesetzte neue Technik an den Ständen, die nicht nur durch berührungsloses Einlesen der Messeausweise den Ausstellern ein Logbuch ihrer Standbesucher verschaffte, sondern auch den Besuchern -so der Anspruch- den automatisierten Versand der Infos der relevanten Marken per Email. Das sollte, wenn es denn funktioniert, beiden Seiten die Nachbereitung der Messe erheblich erleichtern.

Eine Problemzone der Panorama bleiben ihre dem natürlichen Besucherfluss geradezu entzogenen Hallen, die drei „7er“ und die 2.1, die vom Gast Auffinden und Erklimmen fordert. Der aufwendige Stand des Hamburger Labels Dreimaster dort, mitsamt Wasserspielen zur Präsentation von Funktionsbekleidung, hätte wohl an besser frequentiertem Ort noch mehr Furore gemacht.  Die Frequenz war in beiden Bereichen geschwächt, auch wenn durch die Verlagerung der diesmal sehr gut besuchten Lectures in die 7c merklich gegengesteuert wurde.

Immer wieder war in unseren Gesprächen mit Ausstellern wie Besuchern eine Reminiszenz an alte Kölner Messezeiten zu hören, an welche die Panorama doch etliche alte Hasen gemahnt, die klassische Messe eben, gut organisiert, perfekt aufgebaut, aber doch auch bar jener Sexiness der frühen Bread and Butter oder der ersten Ausgaben der Premium. Heiner Sefranek von Mustang Jeans brachte es so auf den Punkt: was der Panorama noch fehlt, ist ein Stück Emotionalität.

Vielleicht kann ja in diesem Zusammenhang Norbert Tillmann einen positiven Einfluss ausüben? Seine Rolle  -außerhalb des Kapitalgebers- blieb etwas unklar, auch wenn er beständig durch die Hallen tigerte. Vielleicht finden sich ja im kommenden Sommer Impulse, die auf seine langjährige Erfahrung und von der Premium mitgenommene Einsichten beruhen mögen.

Erstmals gab einen „Presseraum“, bei dem wir Berichterstatter wohl den Willen für die Tat nehmen müssen, denn zum Verweilen lud das nüchterne kleine Gelass wahrhaftig nicht ein. Ein sehr schönes Detail waren die Regenschirme, die den Besuchern am Dienstag abends angeboten wurden, als das Berliner Schmuddelwetter mal wieder zuschlug. Manchmal sind es solche durchdachten Kleinigkeiten, welche den Gast gerne an die Messe zurückdenken lassen.

Die Premium kann vor Kraft kaum laufen, so scheint es. Der frei gewordene Platz im Kühlhaus, wo bisher die Seek ihr Zuhause hatte, wurde so selbstverständlich ausgefüllt, als wäre alles nie anders gewesen. Allerdings waren am ersten Messetag dort nicht alle Aussteller mit der Frequenz zufrieden. So wünschte man sich bei Gas, dem italienischen Jeanser, der schon auf der BBB wie auf der Panorama zu finden war, durchaus mehr Interesse und Betrieb auf dem Stand. Sehenswert war er allemal, Gas legt in der vorgestellten Kollektion stärker als bisher das Gewicht auf den modisch anspruchsvollen Non-Denim Anteil, und beim Denim gibt es kein einziges Teil mehr ohne Stretch, auch und gerade für die Männer. Im Jeans Umfeld geradezu eine kleine Revolution!

Spannend ist die Frage, inwieweit die Premium sich Gedanken um die Zukunft, um Weiterentwicklung und Innovation macht. Meist ist das gerade dann notwendig, wenn man vom eigenen Erfolg so überzeugt ist, dass die Versuchung des schlichten „weiter so“ übermächtig werden mag. Es war zu hören, dass etwa das Personal der Messe am Limit arbeitet, hier ist dem Management zu wünschen, den erreichten Erfolg auch in manche neue Stelle umzuwandeln, und dabei das kreative Element besonders zu berücksichtigen.

Mit welch geringem Einsatz mit einer gelungenen, visuell wirksamen Idee Aufmerksamkeit erweckt und Sympathie gewonnen werden kann, zeigten die Schweizer Jungs vom Start-up Dilly Socks, die sich in Schottenröcken aus lauter Socken gebildet dem Publikum präsentierten, und mit diesem mutigen Outfit nicht nur die gesuchteste Photo-Op mindestens der gesamten Halle waren, sondern auch ihr Produkt zum Gesprächsstoff machten. Von solcher Originalität könnte die Premium mehr gut vertragen. Von den neuen Bereichen der Messe gefiel die Halle 8 besonders gut, wo einige besonders edle, zukünftige Kollektionen in einer Art Gewächshaus gezeigt wurden, in dem das gläserne Umfeld programmatisch für den darin gezeigten teils experimentellen Inhalt stand.

Der Seek tat ihr eigener neuer Standort sichtbar gut, sie wirkte mehr denn je als tatsächlich eigene Messe und nicht nur Premium Anhängsel. Den Ausstellern gefiel die Präsentation aller auf einer Ebene anstelle der Etagenlösung am bisherigen, halb so großen Standort, das bekannte Sperrholz Ambiente wurde beibehalten, scheint es doch mittlerweile zur festen Corporate Identity dieser Messe für die unabhängigen und „cooleren“ Marken zu gehören. Die Seek nahm manchen Abwanderer der BBB auf, so etwa Levis Vintage/Made and Crafted oder Nudie. Beide waren mit der Resonanz zufrieden, ließen aber offen, wohin es sie zukünftig ziehen wird. Anders Evisu, die über die Beachtung ihrer neben Japan und Italien jetzt auch in den USA produzierten Denim Linie so glücklich waren, dass sie sich bereits jetzt den gleichen Stand für die nächste Ausgabe reservierten. Auch von der diesmal wegen Termin Gründen abgesagten Capsule gab es Abwanderer, ob die bisher am Postbahnhof ausgerichtete Messe überhaupt zurückkommen wird, ist eine der vielen offenen Fragen. Mit Indigofera verlor die Seek aber auch eine langjährig dort vertretene Marke, das schwedische Label für hochwertigen Denim zeigte seine Kollektion auf dem Pfefferberg in einem Pop-Up Showroom, der vom gut etablierten Burg&Schild Laden initiiert war. Burg&Schild stehen auch hinter dem Konzept einer eigenen Order Show, die erstmals im Sommer 2015 stattfinden und in die Lücke der -vermeintlich- verschwundenen LOCK Halle der BBB stoßen soll. Die „Selvedge Run“ getaufte Show zielt auf eine Art sortenreines Umfeld für die ehemals dort gezeigten Marken ab.

Das führt dann auch geradewegs zur BBB, von der nach Absage und Insolvenz auf den anderen Standorten so viel die Rede war wie lange nicht. Hartnäckig behauptete sie ihr Lebenslicht mit einer „Back to the Street“ genannten Mini-Show in den Büroräumen und den „Blue Yard“ Ladengeschäften. Dort stellten einige unverdrossen an die BBB glaubende Aussteller Premium Denim, Schuhe, Hüte und Accessoires aus und waren mit der Resonanz durchaus zufrieden. Wer dort fröhliche Beerdigung erwartete, wurde eines Besseren belehrt: vielmehr gibt es einen Beharrungswillen, den der am Abend des ersten Tages programmatisch gelassen und philosophisch seine Lage akzeptierend auftretende Karl-Heinz Müller unmittelbar nach Ende der Messetage mit einem Paukenschlag unterstrich: er kündigte die nächste BBB wieder in Tempelhof an, zu einem separaten Datum Tage vor den publizierten Messetagen der Mitbewerber: vom 2. bis zum 4. Juli soll sie steigen, während die Konkurrenz vom 7. bis 9. Juli angesagt ist. Das Ergebnis der selbstironischen Abstimmung zwischen „R.I.P. BBB“ und „I want BBB“ mittels Einwurf von Visitenkarten wurde damit vorweggenommen.  Kann das, wird das funktionieren? Kann Müller die Brands überzeugen, zu ihm zurückzukehren, und die Besucher, eigens deswegen extra nach Berlin zu reisen oder ihren Aufenthalt um etliche Tage zu verlängern? Müller pokert einmal mehr hoch, wir sind es nicht anders gewohnt. Ob es die nächste Absage des vorher selbstbewusst Angekündigten setzen wird? Warten wir es ab. Einen gewissen Respekt vor so viel Unbeirrtheit, ein Quentchen Sympathie für die diesmal als kleines gallisches Dorf auftretende BBB mögen wir nicht verhehlen.

Noch stärkeres Gewicht als zuvor schon wurde auf die Vorträge und ähnliche Mehrwert stiftende Beiträge gelegt. Die Panorama gab hier, wohl unfreiwillig, Spuren ihrer früheren Nähe zur Premium preis, bei beiden nannte sich dieses Rahmenprogramm „Dish of the Day“. Europefashion beteiligte sich daran mit einer Reihe von Interviews auf dem „Sofa da Moda“. Meist beachteter Programmpunkt war die von Seek und Premium veranstaltete Konferenz zu Kleidung in Verbindung mit und als Träger von neuer Technologie.

Neu waren die beiden aus dem Hut gezauberten, nur auf Einladung zugänglichen Showrooms, der schon erwähnte auf dem Pfefferberg, mit Brands wie 3sixteen oder Alexander Leathers und den auch bei der Mini-BBB vertretenen Stetsons und ein weiterer von der Agentur Amtraq, wo es neben Red Wing Shoes und Scarti Lab (beide bisher in der LOCK Halle der BBB angesiedelt) mit Merz b. Schwanen ebenfalls eine Doppel-Präsenz gab, gehörten die Traditions-Basics mit dem Schwan doch auch zu den Unentwegten, die in den BBB Büroräumen ebenfalls präsent waren. Dergleichen Doppel Auftritte gab es diesmal von weiteren Marken in verschiedenen Konstellationen, ein Phänomen der so stark in Bewegung geratenen Messelandschaft.

Die Amtraq Show in dem nicht eben einfach aufzuspürenden Rockabilly Club „Roadrunners Paradise“ wird wohl ebenso wie die im Pfefferberg Einmaligkeits Charakter haben, der Not der plötzlich weggebrochenen BBB geschuldet. Wenn im Sommer mehr Gewissheit über die neue Schlachtordnung der Berliner Messen besteht, mit oder doch ohne die BBB, werden die dort anzutreffenden Marken wieder ein festeres Zuhause gefunden haben.

Was ist also das Fazit? Berlin als Mode- und Messestadt lebt, keine Pleite, keine Absage eines einzelnen Players kann das gefährden. Dies ist eine hoch erfreuliche Erkenntnis für alle Beteiligten. Der Umbruch, den die BBB verursacht hat, ist ein unvermeidbarer Prozess, der seine Zeit in Anspruch nehmen wird. Er gestaltet sich organisch, nicht dramatisch, auch das eine Ermutigung. Gewissheiten gibt es nicht, auch -und gerade- nicht für die aktuell Erfolgreichen. Wohin die Reise geht, wir behaupten nicht, es zu wissen. Aber sie geht weiter, dessen sind wir sicher. Und wir werden sie begleiten. „Things have changed“ singt Bob Dylan in einem seiner späteren, erwachseneren Songs. In der Textzeile davor heißt es kühl, „I used to care, but…“. Wir geben unser Kümmern, unsere Anteilnahme, unser Interesse nicht so leicht auf. Dass es dazu angesichts des resilienten Lebens der Modemessen in unserer Stadt auch gar keinen Grund gibt, ist vielleicht die beste Einsicht der in der vergangenen Woche erlebten Tage.

Frank B. Halfar für europefashion berlin

Kommentar verfassen