Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln

BBB_KHM_01
Ein Kommentar

Er hat es also tatsächlich wieder getan. Karl-Heinz Müller ist zurückgerudert, hat groß Angekündigtes wieder einkassiert, gestrichen, widerrufen.

Als die Entscheidung, im kommenden Winter die Bread and Butter nach Barcelona zu verlegen zu Beginn der Sommerausgabe auf dem Tempelhofer Vorfeld bekanntgegeben wurde, gab es zwei Reaktionen: ungläubiges Staunen und Skeptizismus. Erstes Gesprächsthema für die folgenden Messetage war es allemal.

In meiner rückblickenden Analyse hatte ich erhebliche Zweifel an der Idee einer Rückkehr nach Barcelona geäußert, war aber auch sicher, einen weiteren Rückzug könne sich die BBB nicht erlauben, nachdem erst vor wenigen Monaten die zuvor nicht weniger grandios angekündigte Erweiterung der Messe zum großen Lifestyle Event über fünf Tage und mit Zulassung der Endverbraucher wieder zurückgepfiffen werden musste.

Müller konnte. Er hat. Und er musste wohl auch. Es sickerte nach und nach durch, am Freitag berichtete die Sportswear International als erste über die Kehrtwendung, dann räumte es die BBB über ihre Facebook Seite ein, während auf der eigenen Webseite noch nichts von der erneuten Palastrevolution zu lesen war, am Montag dann die breit gestreute Mail des Impressario im gewohnt selbstbewussten Ton, als die Nachricht nun wirklich schon alle Runden gemacht hatte.

Natürlich fehlen jetzt Spott und Häme nicht. Fragen wir daher ganz nüchtern: Ist die Entscheidung richtig?
Auf den zwei Messetagen nach der Ankündigung war in Tempelhof nicht sehr viel Begeisterung zu hören. Als der BBB Chef hier auf europefashion berlin eine Woche nach Ende der Messe ein Video Statement abgab -ein Interview war ausdrücklich nicht gewünscht- klang er sehr eindringlich werbend und wiederholte den Hinweis auf billige Flüge nach und günstige Hoteldeals in Barcelona auffällig eindringlich. Zu diesem Zeitpunkt muss die See für das Barcelona Schiff schon ziemlich rau gewesen sein. Bis zum Ziehen der Reissleine brauchte er dann noch einen guten Monat.

Wenn Müller in Katalonien schlicht keine nennenswerte Veranstaltung gehabt hätte, weil ihm viel zu viele Aussteller von der Fahne gegangen wären, dann kann der Rückzug nur richtig sein, so erzwungen er auch war. In einem Tageszeitungs Interview verwies der BBB Chef darauf, Kanzlerin Merkel würde ihre Entscheidungen ja auch gelegentlich überdenken. Er hätte auch bis zum ersten Bundeskanzler zurückgehen können, zu Konrad Adenauers häufiger zitierten Bonmots gehört jenes vom „was geht mich mein Geschwätz von gestern an“. Und ja, es gehört Grösse und Selbstbewusstsein dazu, ein derartiges Umkehren mit Panache zu vertreten, besser als sehend ins Unheil voranzuschreiten ist es allemal.

Die Kritik, die Müller nicht erspart bleiben kann, ist die des erneut fehlerhaften Instinkts, des mangelnden Urteilsvermögens. Er hatte offenbar mit kaum einem seiner Kunden gesprochen, bevor er mit Barcelona an die Öffentlichkeit ging. Allein schon das Ausmass der Überraschung ist dafür Beleg, wie sie nach der Ankündigung vorherrschte: in der notorisch gesprächigen Modebranche wäre längst etwas durchgesickert, hätte es viele Konsultationen gegeben. Wenn man denn aber so siegesgewiss vorprescht, dann sollte man gute Entscheidungen treffen, welche die Realität aushalten. Das hat Karl-Heinz Müller jetzt zweimal in enger Folge, und in Bezug auf sehr wesentliche Richtungsweisungen nicht geschafft. Spätestens bei seiner nächsten großen Ankündigung, die schwerlich ausbleiben wird, darf man jetzt schon auf etliche zweifelnd hochgezogene Augenbrauen und deutlich leiser werdenden Jubel zählen.

Immerhin entschuldigt sich Müller bei den Empfängern seiner Mail für „Unannehmlichkeiten“. Die können beispielsweise bei den „early adapters“ darin bestehen, dass bereits Flüge gebucht und Kosten entstanden sind. Wie kulant sich die BBB hier zeigen wird, dass ist ein Prüfstein für die Souveränität, mit der die Messe jetzt mit der von ihr geschaffenen Lage umgeht.

Interessant wird es auch zu sehen, wie sich das Standing der Messe im Verhältnis zu ihren Mitbewerbern im Januar 2015 verändern wird. Wichtig wird sie bleiben, ohne Frage. Um ihre eindeutige Führungsrolle beizubehalten, muss das Team der BBB jetzt sehr harte Arbeit leisten und auch die Fortüne haben, die ihr zuletzt nicht gerade hartnäckig zu folgen schien. Den Termin für den Winter, 19. bis 21. Januar, haben bereits die Mitbewerber gesetzt, während die BBB noch von ihrem Platz an der Sonne träumte.

Der Imageschaden ist beträchtlich. Wer am Montag abends die Webseite der BBB per Google suchte, erhielt zum Ergebnis den warnenden Hinweis: „This site may be hacked“. Nein, vom Glück verfolgt ist die BBB zur Zeit gerade nicht. Nicht ihretwegen, aber um des Erfolges der Fashion Week wegen, und ob der Relevanz Berlins als Modestadt hoffen und wünschen wir ihr, dass sich das wieder ändert.

Frank B. Halfar für europefashion berlin

Kommentar verfassen