It’s all in the Timing

Die Zukunftsentscheidungen über den Mode-Messen Standort Berlin

werden mit der aktuellen Termin Diskussion getroffen.

Die Pressemitteilung der Panorama klingt harmlos genug: „Save the Date“, eine Messe kündigt die bevorstehenden Termine an. Vom 19. bis 21. Januar und 7. bis 9. Juli 2015 soll die Schau unter dem Funkturm gezeigt werden. Die vermeintliche Routine täuscht: mit den Zeitpunkten der Messen im Januar und Juli 2015 werden entscheidende Weichen gestellt.

Das wird schon deutlich, kaum dass man den Text der Panorama liest, schon im zweiten Satz ist von Kontroverse und (zu?) spätem Zeitpunkt im Januar die Rede. Man musste einen Kompromiss finden, um nach dem Weggang der Bread and Butter und deren extrem frühen Termin vom 8. bis 10. Januar in Barcelona den richtigen Platz im Kalender für Berlin zu finden. Am 13. Januar beginnt die Pitti Uomo. Eine -womöglich teilweise- Zeitgleichheit mit Florenz war debattiert worden, in einem Hintergrundgespräch mit europefashion hatte etwa Klaus Brinkmann signalisiert, dass er sich ein doppeltes Auftreten seiner Anzugmarke Eduard Dressler auf der Pitti und der Panorama durchaus vorstellen könnte. Doch wie viele andere Aussteller, die nicht die Größe und das Budget einer Brinkmann Gruppe haben, wären da mitgezogen?

Die Drähte glühten, unzählige Gespräche wurden geführt und auch fleißig das getan, was mit dem reizend altmodischen Begriff des Antichambrierens gemeint ist: Klinken wurden geputzt, um klangvolle Aussteller Namen wurde geworben, nicht nur faire Gerüchte über die Mitbewerber gestreut. Gerade auch die Düsseldorfer Modewoche war dafür Schauplatz, und ganz nebenbei Beweis dafür, wie sehr sich Berlin in der Branche etabliert hat.

Mit ihrem neuen Zuhause in den Messehallen hat die Panorama im Winter auch ein neues Problem: die Grüne Woche. Die traditionsreiche Agrarschau hat ihren 2015 Termin vom 16. bis zum 25. Januar. Panorama Sprecher Ralf Strotmeier versichert, dass dies lösbar sei, es gäbe genug Platz für beide Messen, nachdem der City Cube nun auch zur Verfügung steht, und der thematische Kontrast sei kein Thema. Wirklich? Die Blumenhalle der Messe mag man sich gut als Nachbar aktueller Fashion vorstellen können, aber wie steht es mit Kühen und Ferkeln, Traktoren und Saatgut? Von der Logistik voller Hotels, zu wenig Taxis und Parkplätzen, Dauerstau rund um den Messedamm, der geteilten Aufmerksamkeit, all den Auswirkungen zweier unterschiedlicher Grossmessen an einem Ort ganz zu schweigen.

Der eigentliche Kern liegt jedoch noch woanders: die Berliner Messen brauchen den frühen Zeitpunkt. Das Forte Berlins ist die erste Orientierung, das Marketing, die Corporate Identity der Brands. Auch wenn selbstverständlich Orders geschrieben werden, der Schwerpunkt ist dies in Berlin nicht. Daher die erkennbaren Bauchschmerzen angesichts des reichlich späten Januar Termins. Es ist der Panorama aber hoch anzurechnen, dass sie dies in ihrem Ankündigungstext selbst zum Thema macht und reichlich offen erläutert.

Der Termin für Berlin konnte nur ein einheitlicher sein, kein Einkäufer, auch kein Journalist wird zweimal in kurzer Folge den Weg an die Spree finden. Die Januar Entscheidung wurde in einem Einvernehmen mit nicht nur den Berliner Playern wie der Premium getroffen, man hat auch versucht, Einigkeit mit den internationalen Veranstaltern herzustellen. Und mit dem frühen Juli Termin für die folgende Sommer Veranstaltung ein auch kompensatorisches Zeichen gesetzt. Berlin etwas spät dran, das soll eine einmalige Ausnahme bleiben, zudem eine gut vorbereitete, klug kommunizierte, bei der das Placet der wesentlichen Akteure tatsächlich einmal vorher eingeholt worden sein soll. Eine interessante Verschiebung gibt es auch bei den Adressaten, die von den Machern für dergleichen delikate Entscheidungsfindung angesprochen werden: hört man Ralf Strotmeier genau zu, dann ist auffällig oft von den Einkäufern die Rede, durchaus nicht nur von den Marken, von den Ausstellern.

Mit der Terminsetzung für den Juli erhebt die Panorama zudem unzweideutig einen Führungsanspruch. Auch im Sommer wird es keine zwei Termine geben können, muss die Fashion Week in einer realen kalendarischen Woche stattfinden. Wie Karl-Heinz Müller und seine BBB sich dazu verhalten werden, ist eine hoch brisante Frage. Dem ausgerechnet von der Panorama gesetzten Termin folgen? Einen eigenen, abweichenden Termin machen und die einheitliche Fashion Week aufgeben? Es klingt beides unmöglich, ein geradezu klassisches Dilemma. Es wird deutlich, dass mit dem Teilweggang aus Berlin auch ganz umgehend ein Gewichtsverlust einhergeht, was die Entscheidungen in und für Berlin angeht. Wer Termine setzt und durchsetzt, der führt. In Berlin will dies hinfort die Panorama sein. Nicht mehr und nicht weniger verbirgt sich hinter diesem „Save the Date“.

Mögest du in spannenden Zeiten leben, das gilt in China als Verfluchung. In unserem Kulturkreis mag man das anders sehen, allzumal in der Modebranche, die noch stets das zum Handwerk gehörende Klappern einem geräuschlosen Vorgehen vorgezogen hat. Hie und da bis zum Krawall, bei dem auch jemand auf der Strecke bleiben kann. Was die Modemessen an der Spree angeht, so ist die Tektonik heftig in Bewegung gekommen. Es knistert geradezu vor Spannung. Bis zum September mögen noch Fenster offenstehen, um Dinge notfalls auch zu revidieren, die sich dann doch als unhaltbar herausgestellt haben mögen. Nicht viel später im Herbst wird dann der „point of no return“ erreicht sein. Das Jahr 2015 wird in der Berliner Modemessen Landschaft Zeichen setzen. Welche der jetzt bereits gemachten und noch zu treffenden Entscheidungen die richtigen waren, die beiden Fashion Weeks 2015 werden es an den Tag bringen.

Frank B. Halfar für europefashion berlin

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