Fashion Week Berlin

Über Standorte, Sichtweisen und modische Aussichten

Über die gesamte Stadt verteilte Standorte und mal wieder ein Terminplan, der locker auch zwei Wochen füllen könnte: Mit zahlreichen Modemessen, Catwalk Shows, Präsentationen und Events bildete die Berliner Modewoche den Auftakt in die Saison Sommer 2015.

Vom 8.-13. Juli wurden die Modetrends internationaler großer Marken wie auch aufstrebender junger Designer auf Catwalks, Messeständen oder in Showrooms präsentiert, tausende Marken und Kollektionen – ein breites Spektrum für Men- und Womenswear, hochwertige Klassik oder Casualstyles, Urban- und Streetwear, Avantgarde, Mode für XL-Größen wie auch Green Fashion, dazu ein stetig wachsendes Angebot an Accessoires.

Ein sich drehendes Zirkuskarussell, auf dem die Modepuppen tanzen – der Messestand von Marc Cain brachte die aktuelle Situation auf den Punkt. Auf der PANORAMA, die vom nicht fertig werden wollenden Großflughafen Schönefeld umgezogen ist und sich jetzt stadtnah auf dem Messegelände Berlin ExpoCenter City über sieben Hallen ausdehnt, mit einer erweiterten Fläche um 40 Prozent und einem Aussteller-Plus von 25 Prozent.

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Ein bisschen im Kreis dreht sich auch die BREAD & BUTTER, die jetzt doch nicht für den Endverbraucher geöffnet wird und ab dem kommenden Januar mit der Winter-Messe wieder nach Barcelona zurückkehrt. Dazu kommt Seoul als weiterer Standort, wie Karl Heinz Müller – der Visionär – bei seiner Opening-Veranstaltung verkündete.

Große Marken wie Hugo Boss oder Rena Lange haben den Messeplatz Berlin längst verlassen, um sich anderen und neuen Märkten zu widmen, jetzt hat auch das gerade erst hoch gehypte Label Achtland der Hauptstadt den Rücken gekehrt, um in Paris von mehr internationaler Aufmerksamkeit zu profitieren. Bekannte Namen wie Wolfgang Joop und Talbot Runhof findet man nicht auf dem Schauenplan der deutschen Fashion Week. Aufstrebende Berliner Designer kämpfen um Aufmerksamkeit oder ums Überleben.

Ist die Mode – wie auch die Messeplattform PANORAMA – in der Mitte angekommen?
Aber bedeutet Mitte auch gleichzeitig Mittelmaß? Bestimmt „Normcore“ – laut einer amerikanischen Studio Durchschnittlichkeit, Normalität und vielleicht sogar eine gewisse Modeverweigerung – nicht auch das modische Bild der Straße in Deutschland? Designer Michael Michalsky – der Mode als Popularkultur versteht – sieht Normcore nicht als Modetrend. Er wehrt sich gegen solche Begrifflichkeiten. „Gehen Sie doch mal durch Mitte – das ist doch das alltägliche Straßenbild“.

Dabei hatte man doch für den in Berlin oft vermissten Glamourfaktor gesorgt: Extra eingeflogen wurden die britische Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton als Gesicht der neuen Mercedes Benz Fashion Week Berlin-Kampagne, der Schauspieler, Produzent und aktive Umweltschützer Kevin Costner
 für ARQUEONAUTAS und Designer-Größe Tommy Hilfiger als Jurymitglied und Schirmherr des von Peek & Cloppenburg Düsseldorf ausgetragenen Design-Awards “Designer for Tomorrow“ für talentierten Nachwuchs. Michael Michalsky sorgte mit hoher Promidichte bei seiner Style Night für ganzseitige Berichterstattungen in den Medien.

Welchen Stellenwert hat die Mode in der Hauptstadt wirklich?

Steht vielleicht auch die wiederholte räumliche Verlegung der „Mercedes Benz Fashion Week“ – das Aushängeschild der Modewoche Berlin – für den Stellenwert der Mode in Deutschland? Sind der Respekt vor der historisch bedeutenden Stätte unterm Bebelplatz oder die Fanmeile für die Fußball-Weltmeisterschaft am Brandenburger Tor von so viel größerer Bedeutung als die „Popularkultur“ Mode?

Die Messeplattformen resümieren konstante bzw. steigende Besucher- und Ausstellerzahlen.
Neu hinzugekommen in das ohnehin schon vielfältige Portfolio ist die LONDON EDGE, eine Plattform für alternative Underground Labels. Mainstream findet hier seinen Gegenpol. Im digitalen Zeitalter ist die Suche nach Zusammengehörigkeit oder Anderssein stärker denn je.

Für Frauen mit Kurven bot die Fachmesse „Curvy is sexy“ in der dritten Saison sehr erfolgreich Mode oberhalb der Konfektionsgröße 38 an – mit Ausstellerzuwachs und großem Besucherandrang. Endlich hat man hat die Bedürfnisse dieses nicht zu unterschätzenden Marktes erkannt.

Aber ist der Markt – wie auch die Messelandschaft – nicht längst gesättigt? Oder übersättigt? Immer mehr, immer schneller – brauchen wir wirklich die Spitze? Hat die Mitte nicht auch die größte Breite?

Schaut man sich die Mode in den Geschäften am Ku’damm – wie auch die der vorbeilaufenden Passanten – an, dominiert ein- und dasselbe Muster. Skinpants an jeder Figur, dazu Shirts und gedruckte Statements. Oder – bei Temperaturen oberhalb der 30 Grad – superknappe Hot Pants zu Sneakers oder Komfort-Sandalen mit Fußbett. Skinnys in allen möglichen Varianten und Denim in unzähligen unterschiedlichen Cuts und Waschungen, bei H&M und Zara, bei Pimkie wie auch bei der japanischen Textilkette Uniqlo, der hier erst kürzlich ihre erste Deutschland-Filiale eröffnete, hautenge Hosen bis unters Dach. Ein nahezu aussichtsloses Unterfangen, in den kommerziellen Shops eine schlanke Hose mit salopper Weite zu bekommen. Dabei wurde die doch bereits zum letzten Winter stark propagiert. „Boyfriend oder Karotte, aber die liegt jetzt nicht im Trend“ wird man in einem großen Kaufhaus mit eigener Hosenabteilung belehrt. Haben sich die Einkäufer nur nicht getraut?

Deutschland gilt nicht als risikofreudig, dafür als pragmatisch und auf Funktionalität und Funktionieren ausgerichtet. Hier werden neueste Technologie und Innovation groß geschrieben, das zeigt sich auch in der Bekleidungsindustrie.
Aber der Markt muss auch den Ansprüchen einer Zielgruppe gerecht werden muss, die ihre Informationen und modische Orientierung aus dem Netz holt. Instagram und Blogs prägen das Bild einer neuen Generation, die auf Individualität und Persönlichkeit ausgerichtet ist. Um den Anforderungen eines Generationenwechsels und den veränderten Kaufgewohnheiten gerecht zu werden, wurden im Rahmen der Fashion Week auch Shop- und Franchise-Konzepte sowie auf B2B spezialisierte Services, Talks und Diskussionsforen zu „Design Web 2.0“ und „Fashion beyond Trends“ sowie Experten-Vorträge und Blogger-Austausch angeboten. Nie war das Angebot so vielfältig.

Man will und muss sich vom Mainstream abheben. Weg von Masse und Geschwindigkeit. Die Fülle des Angebots erfordert eine Konzentration auf Wesentliches. Das äußert sich nicht nur durch stark komprimierte Kollektionen und Wieder-Erkennbarkeit einer Marken-ID, sondern auch in der Klarheit der Schnitte und Fokussierung auf die Materialien.

Und wie stellt sich das dar in der Mode für den Sommer 2015?

Die große Revolution findet nicht statt. Bestseller der Vorsaisons wurden weiterentwickelt, Farben für den Sommer neu definiert. Jung und Alt trennt sich schon lange nicht mehr. Im Fokus steht die eigene Identität – bei Herstellern und Kunden. Selbstverwirklichung als Fashion-Statement. Marken-Modediktate funktionieren nicht mehr, man sucht und findet seinen Style im World Wide Web.
Die „Generation Smartphone“ bedient sich lässiger Styles wie auch auffällig dekorativer „Selfie Couture“. Mitsprache äußert sich durch Sprüche und Fotoprints unterstreichen die modische Selbstdarstellung.

Aber: Auch Freundschaftsbänder waren nie so aktuell wie heute.

Einzelteiligkeit und maximale Kombinierbarkeit für individuelle Styles prägen die Kollektionen. Auch Komplett-Looks – die zunehmend angeboten wurden – bestehen aus starken Key Pieces.
Every Day Wear, Sportivität und Entspanntheit sind Schlüsselworte der Saison.

Insgesamt heller und leichter, aufgeräumt und entspannt, dafür mit ausgeprägter Liebe zum Material zeigt sich auf den großen Messeplattformen ein recht einheitliches Bild. Modernität bringen stoffliche Weiterentwicklungen und spannende Oberflächen, mit dreidimensionaler Optik oder aus High Tech Qualitäten sowie weiterentwickelte Waschungen und Beschichtungen.
Der Fokus liegt auf Schnitt und Stoff – die Mode im Sommer 2015 verzichtet auf Überflüssiges. Das bedeutet aber nicht, dass sie darum schlicht und einfach ist. Und schon gar nicht langweilig. Eine unglaubliche Vielfalt an neuartigen Materialien wie auch Details an den richtigen Stellen – mit Funktionalität oder für ein gelungenes Proportionsverhältnis – zeichnen einen neuen Clean & Easy Look aus.

Sneakers bestimmen schon seit langem das modische Straßenbild, jetzt mischt die Sportmode auch in den Looks für den Alltag entscheidend mit. Skater, Surfer, Baseballer und Bergsteiger bringen wichtige Funktions-Aspekte in die Mode.
Der entspannte Lebensstil der Hippies in den 70igern zeigt sich durch ein Revival von bodenlangen Flatterkleidern und bestickten Tuniken – inklusive der dazugehörenden Accessoires. Daneben entwickelt sich bereits eine neue Avantgarde: Schwarz wie die Nacht, viel Leder und mit extrem reduzierten oder außergewöhnlichen Details. Neben der modischen Experimentierfreude einer Blogger-Stilistik wirkt das erfrischend neu.

Leichtigkeit, Tragekomfort und ein weicher Griff bilden die Rezeptur für gut verkäufliche Styles. Alternativ zum Powerseller Skinny-Pants hat sich die Jogginghose oder deren konfektionierte Variante für Every Day Wear ebenso durchgesetzt wie bedruckte T-Shirts und seidige Shirts. Blue Jeans finden in den klassischen Kollektionen überwiegend in modischen Varianten statt, dafür zeigt sich bei den Denim-Brands eine enorme Vielfalt an unterschiedlichen Waschungen und Destroyed-Optiken. Blousons und verfeinerte Bikerjacken haben den Blazer größtenteils abgelöst. Prints sind insgesamt zurückgegangen, wenn schon, dann sind sie richtig plakativ. Grafik wird digital weitergespielt und Motive aus Flora Fauna und Unterwasserwelt schmücken – einzeln oder allover – Kleider und Shirts. Metallics und Pailletten sorgen für interessante Finishes. Power-Effekte zeigen sich vor allem bei den Accessoires.

Insbesondere bei Männern zeigt sich ein neues Modeverständnis – mit Mut zu Mustern und kreativem Mix.

Das Farbbild wird bestimmt durch kalte Pastelle und starke Kontraste: Schwarz-Weiß, ganz pur oder neben leuchtendem Gelb, kraftvollem Royalblau oder intensivem Rot.

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Mit der Michalsky Style Night – Mode, Musik und Entertainment – ging am Freitag Abend die Fashion Week in Berlin nach einer Woche Mode-Marathon zu Ende. Selbst-Inszenierung, Musik und Kunst setzen zeitgeistige Impulse auch in der Mode. Sogar die kritische Auseinandersetzung mit dem NSA Skandal wurde in einzelnen Themen angedeutet: Nicht nur Michael Michalsky, auch Dorothee Schumacher – die nach 25 Jahren noch stärker auf ihre eigene Mode-Persönlichkeit fokussiert und den Namen ihrer Marke um ihren Vornamen erweiterte – spielen in ihren Kollektionen mit Verborgenem und Verstecktem, mit „Secrets“ und Transparenz, mit Kunst und Realität.

 

Alexandra von Schledorn

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